Dienstag, 11. Juni 2002
Der Mann mit dem versteckten Radio
Ehemaliger Kriegsgefangener aus England besuchte Barth
Roy Kilminster ist ein ehemaliger Gefangener des Barther Stalag Luft I. Der englische Pilot besuchte für einige Tage die Stadt und kam gestern mit jungen Gymnasiasten ins Gespräch.
Barth (OZ) Die 84 Lebensjahre sieht man ihm nicht an. Roy Kilminster aus dem englischen Cornwall wirkt beinahe schüchtern, doch wenn er erzählt, dann lauschen seine Zuhörer gebannt.
Roy war zum ersten Mal seit 57 Jahren wieder in Barth. Nein, eigentlich wollte er nie wieder in diese Stadt, in der er über zwei Jahre gefangen war. Den Piloten eines Halifax-Bombers hatte eine deutsche Messerschmitt 110 im Jahre 1941 über Holland abgeschossen. Auf der nächtlichen Suche nach Wasser und Brot klopfte er ausgerechnet an die Tür eines Hauses, in dem deutsche Piloten campierten. So wurde Roy Kilminster festgenommen, zuerst in das Pilotenlager Stalag III gebracht, im Jahre 1942 dann in das Barther Stalag Luft I überstellt. Über seine gefährliche Arbeit in diesem Lager berichtete Roy gestern einer Gruppe Barther Gymnasiasten.
?Er ist wohl der interessanteste ehemalige Kriegsgefangene, der Barth besuchte?, sagt Helga Radau von Verein Dokumentations- und Begegnungsstätte. Gemeinsam mit einem britischen Kamerateam, das Roys Geschichte verfilmt, war der viertägige Besuch in Barth organisiert worden.
Roy Kilminster war im Barther Stalag Luft I als Feldscher tätig. Aber er hatte auch ein verstecktes Radio, dazu ebenfalls einen Fotoapparat, alles aus Teilen zusammengebaut, die in Rot-Kreuz-Paketen angekommen waren. Roy hörte jede Nacht die Nachrichten von BBC London, ein amerikanischer Kriegsgefangener schrieb die Meldungen in Kurzschrift mit. Im Lagerfluchtkomitee arbeitete Roy an der Fälschung von Personaldokumenten, die dem Original verblüffend ähnlich sahen. Bis zur Befreiung durch die Rote Armee haben die deutschen Bewacher den Besitzer des Radios nicht gefunden, obwohl sie dessen Existenz durchaus erahnten.
All das und noch viel mehr erzählte Roy gestern den Schülern in englisch natürlich. Für die Mädchen und Jungen des Leistungskurses Englisch kein Problem. Und so fragten die jungen Leute den Zeitzeugen tüchtig aus.
Wie es ihm heute in Barth gefalle, wollten die Schüler wissen. Roy lächelte: ?Ich bin sehr beeindruckt und glücklich über den Empfang?. Und was er heute Abend mache, fragte ein Junge. Das verblüffte den Gast denn doch etwas. Aber die werbende Erklärung für den Engländer folgte sofort: ?Hier in Barth gibt es nämlich auch ein paar schöne Pubs . . .?
Am Vortag hatte der englische Gast ein Treffen beim Barther Bürgermeister, gemeinsam mit fünf Amerikanern, die zurzeit auch in Barth weilen und ebenfalls in Stalag Luft I gefangen waren. Die wiederum waren total begeistert, endlich den Mitgefangenen kennenzulernen, der das versteckte Radio im Barther Lager hatte.
Roy Kilminster verlässt heute die Stadt Barth wieder. Und er weiß, dass seine Erzählungen und die weniger ruhmreiche deutsche Geschichte hier nicht vergessen werden.
HANS-JOACHIM MEUSEL |